Kultur des Zusammenlebens

Kultur des Zusammenlebens
Prof. Dr. Walter Siebel

Meine Damen und Herren, ich bedanke mich für die Gelegenheit, auf diesem Kongress zu sprechen. Zur Kultur des Zusammenlebens: Das ist ein weites Feld von der Wohngemeinschaft bis zu den Vereinten Nationen. Ich werde mich erstens auf Fragen der Integration von Zuwanderern konzentrieren, weil das die brisantesten Probleme des Zusammenlebens in naher Zukunft in Deutschland und anderswo beinhaltet. Und zweitens konzentriere ich mich auf das Zusammenleben in den großen Städten, weil etwa in der Mitte dieses Jahrhunderts wie jetzt schon in Frankfurt mindestens ein Drittel wenn nicht mehr der Einwohner der großen Städte Immigranten oder Nachkommen von Immigranten sein werden.

In den Fünfziger und Sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, den sehr kurzen goldenen Jahren des Kapitalismus, schien die Bundesrepublik auf dem Weg in eine ökonomisch prosperierende, sozial gerechte und kulturell weitgehend homogene Gesellschaft zu sein. Die entscheidenden Integrationsmechanismen einer modernen Gesellschaft, der Markt und die Demokratie, funktionierten weitgehend. Außerdem stellten im Wesentlichen Deutsche die Masse der Zuwanderer, immerhin 12 Millionen. Sie verfügten über dieselben politischen Rechte, über vergleichbare berufliche Qualifikationen und über ähnliche normative Orientierungen wie die Einheimischen.

Heute sind alle diese Bedingungen gelingender Integration prekär geworden. Wachsende Minderheiten in unserer Gesellschaft – keineswegs nur die Zuwanderer, aber die Zuwanderer ganz besonders- leben unter der Bedrohung, dauerhaft aus den politischen, ökonomischen und auch aus den sozialen Zusammenhängen dieser Gesellschaft ausgegrenzt zu werden. Diese Bedrohung betrifft ganz besonders die Zuwanderer. Und die Orte, an denen in unserer Gesellschaft darüber entschieden wird, ob Integration oder Ausgrenzung geschehen, diese Orte sind im Wesentlichen die großen Städte. Die Integration von Zuwanderern in den großen Städten ist deshalb gleichsam der Lackmustest für die Fähigkeit einer Gesellschaft, eine Kultur des Zusammenlebens zu entwickeln, ohne Differenz vernichten zu müssen.

Schumpeter hat die Migranten als die besonders unternehmerischen, die besonders wagemutigen und die besonders optimistischen Mitglieder eines Volkes beschrieben, weil sie das Risiko der Wanderung eingehen. Und sie sind Optimisten, weil sie mit diesem Risiko die Hoffnung auf ein besseres Leben verknüpfen, nämlich Befreiung aus ökonomischen sozial oder politisch beengten Verhältnissen. Stadtkultur, jedenfalls die Kultur der europäischen Städte, beinhaltete von Anfang an eben dieses Versprechen auf Befreiung aus Armut, aus politischer Unterdrückung und aus den dichten sozialen Kontrollen von dörflichen Nachbarschaften. Das ist der erste Grund dafür, dass gerade die Städte bevorzugte Orte von Zuwanderern sind.
Der zweite Grund liegt darin, dass Städte Orte sind, in denen die Begegnung mit dem Fremden zur Alltäglichkeit gehört. Man kann „Stadt“ geradezu definieren als Ort, an dem Fremde zusammenleben. Nur auf dem Dorf gibt es keine Fremden. Der Prototyp des Städters ist der Fremde.

Urbanität und die urbane Lebensweise ist die Fähigkeit zu einem zivilisierten Umgang mit Fremdheit. Urbanität, verstanden als eine Kultur des Zusammenlebens unter Fremden, verlangt dem Städter sehr viel ab. Warum? Weil der Fremde auf doppelte Weise verunsichert, nämlich als der unbekannte Fremde und als der andersartige Fremde. Der Fremde als der, den man nicht kennt, ist ein Mensch, dessen Verhalten nicht vorhersehbar ist. Der öffentliche Raum von Städten als ein Ort, an dem Fremde einander begegnen, schafft deswegen systematisch Situationen, die nicht kontrollierbar sind. Keiner von denen, die sich im öffentlichen Raum begegnen, verfügt über genügend Informationen, um diese Situation kontrollieren zu können – eben weil man Fremden begegnet, deren Verhalten man nicht kennt. Die Begegnung mit dem Fremden beinhaltet immer die Drohung, die äußere Kontrolle zu verlieren.

Der Fremde als der Andersartige bedroht vielleicht sehr viel schärfer und tiefer, weil der Fremde als der Andersartige die Selbstverständlichkeiten des Alltags in Frage stellt: die Routinen, die Normen, die den alltäglichen Umgang untereinander regeln. Der Fremde dient deshalb häufig als Projektionsfläche für die eigenen uneingestandenen Wünsche. Den Fremden werden typischerweise ungehemmtere Sexualität und Aggressivität unterstellt. Indem man ihm das unterstellt, erinnert er gerade an die eigenen mehr oder weniger verdrängten Bedürfnisse und Wünsche. Damit ist der Fremde zugleich eine verlockende und bedrohliche Figur. In der Begegnung mit dem Fremden droht nicht nur der Verlust der äußeren Kontrolle, es droht immer auch der Verlust der inneren Kontrolle.

Die Stadt als ein Ort, wo, wie Georg Simmel das ausgedrückt hat, der Fremde nah ist, ist deshalb ein grundsätzlich prekärer Ort. Georg Simmel hat davon gesprochen, dass die physische Nähe des sozial Fremden Aversionen hervorrufe, die sich sehr leicht zu Hass und Kampf steigern können. Die Kultur des Zusammenlebens in Städten verlangt deshalb sehr viel. Sie verlangt vor allem ein Aushalten von tiefer Verunsicherung. Die Kultur des Zusammenlebens ist deshalb risikoreich und konfliktbeladen.

Wie können Gesellschaften mit dieser Problematik umgehen? Ich will vier Modelle diskutieren, wie gelungene Integration konzipiert werden kann. Diese Modelle sind unterschieden nach der Frage, was als Ziel gelungener Integration vorgestellt wird: einmal Integration als hergestellte homogene Kultur und einmal Integration als die Fähigkeit ihrer Mitglieder, Differenz auszuhalten. Das ist die eine Ebene der Unterscheidung der vier Modelle. Die zweite [Ebene] bezieht sich darauf, wer denn diese Leistung der Integration erbringen muss. Wird sie den einzelnen Individuen zugemutet oder wird sie eher als eine Aufgabe der Gesellschaft oder der Stadt konzipiert?
Das erste Modell ist das der Assimilation: Gelungene Integration wird gleichgesetzt mit Homogenität der kulturellen Orientierungen und Verhaltensweisen der Gesellschaftsmitglieder, und diese Leistung muss erbracht werden von dem Einzelnen, etwa dem Zuwanderer, von dem erwartet wird, dass er sich an eine als homogen vorgestellte Kultur der Einheimischen anpasst.

Das klassische Modell der amerikanischen Gesellschaft, der Melting Pot, der Schmelztiegel, zielt auch auf Integration durch Homogenität. Nur ist diese Homogenität Ergebnis eines wechselseitigen Prozesses der Anpassung aller Mitglieder der Gesellschaft. Die verschiedenen Einwanderergruppen, die ihre besonderen Identitäten in die Vereinigten Staaten hineintragen, verschmelzen in einem Prozess gegenseitigen sich Anpassens diese mitgebrachten Identitäten zu einer neuen, nun wieder homogenen Kultur des American Way of Life.

In der Soziologie sind von Anfang an zwei ganz andere Vorstellungen von Integration diskutiert worden, andere deshalb, weil sie das Aushalten von Differenz, also Integration ohne Vernichtung von Fremdheit und Differenz als Ziel von Integration definieren.

Das eine, das ich Urbane Indifferenz nennen möchte, geht zurück auf Georg Simmel. Bei Georg Simmel ist es die Aufgabe des Einzelnen, mit Differenz umzugehen. Der urbane Städter hat gelernt, mit Blasiertheit, Gleichgültigkeit, Distanziertheit, Intellektualität auf die vielfältigen Fremdheiten zu reagieren oder besser, nicht zu reagieren, denen er in der großen Stadt begegnet.
Das vierte Modell gelungener Integration ist die Stadt als Mosaik. Es geht zurück auf die Chicagoer Schule der Soziologie, die am Beispiel der Einwanderungsstadt Chicago wieder eine ganz andere Vorstellung einer gelungenen Integration beschrieben hat. Der Kopf dieser Chicagoer Schule, Robert Park, drückte das so aus: die Stadt sei, ich zitiere: „a mosaik of little worlds that touch, but do not interpenetrate“. Also die Stadt als ein Mosaik voneinander separierter kultureller Dörfer, die sich zwar gegenseitig berühren, aber nicht durchdringen. Hier wird Differenz dadurch aushaltbar, dass die Stadtstruktur Fremdheiten einhegt, in dem sie sie räumlich separiert und dadurch neutralisiert.

Welches dieser vier Modelle gelingender Integration ist heutigen modernen Gesellschaften angemessen? Die ersten beiden: Assimilation und Melting Pot, halten fest an der Vorstellung, Integration sei gleichzusetzen mit durchgesetzter Homogenität. Dahinter steht die Vorstellung, dass Gesellschaft zu beschreiben sei als in sich homogener Körper, eingefasst in nationalstaatliche Grenzen, in den Fremdheit importiert wird durch Wanderung. Der Integrationsprozess wird dann folgerichtig beschrieben als ein Prozess, in dessen Verlauf die Fremdheit zum Verschwinden gebracht wird, sei es durch Veränderung der Gesellschaft, sei es durch Veränderung der zuwandernden Individuen.

Moderne Gesellschaften sind aber nicht mehr zu beschreiben als in sich homogene und nach außen abgeschlossene Einheiten, in die Differenz durch Zuwanderung gleichsam importiert werden müsste. Moderne Gesellschaften, und erst recht moderne Großstädte, zeichnen sich dadurch aus, dass sie laufend aus sich heraus Differenz produzieren: soziale Ungleichheiten, die verschiedensten Milieus und die unterschiedlichsten Lebensstile. Das betrifft mittlerweile in Deutschland selbst die Sprache. Im Mittelalter war die Sprache der politischen und der wissenschaftlichen Eliten Latein. Heute ist die Sprache der ökonomischen und wissenschaftlichen Eliten auch in deutschen Städten mehr und mehr Englisch. Die Mittelschicht spricht Deutsch, und die Rolle der Dialekte der Unterschicht wird heute erfüllt durch die verschiedenen Sprachen, welche die unterschiedlichen Immigrantengruppen in unseren Städten sprechen. Das heißt, auch auf der Ebene der Sprache erleben wir eine Ausdifferenzierung unserer Gesellschaft.

Integration in modernen Gesellschaften muß deshalb konzipiert werden als ausgehaltene Differenz. Das solches Aushalten von Differenz klare Grenzen hat: des Strafrechtes, der Verfassung usw., muss ich hier nicht weiter deutlich machen. Aber jenseits dieser Grenzen entfalten sich in modernen Gesellschaften sehr vielfältige Unterschiede.
Georg Simmel hat es zur Aufgabe des urbanen Individuums erklärt, mit solchen Differenzen umzugehen. Aber damit das Individuum diese Leistung überhaupt erbringen kann, ist Souveränität Voraussetzung. Ökonomische, soziale und, nicht zu vergessen: die psychische Selbstsicherheit des einzelnen Individuums. Aber diese ökonomischen, sozialen und psychologischen Voraussetzungen sind bei mehr und mehr Mitgliedern unserer Gesellschaft immer weniger gegeben. Wenn das so ist, dann bleibt nur das Modell des Mosaiks, d.h. eine Gesellschaft oder Städte, in denen soziale und kulturelle Distanzen dadurch eingehegt werden, daß sie in räumliche Distanzen übersetzt werden: das Modell der Segregation. Und Chicago, wie es von der Chicagoer Schule in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts beschrieben ist, ist ein Muster für das, was wir in allen Städten von Einwanderungsgesellschaften beobachten können: das Mosaik verschiedener Dörfer auf dem Territorium einer Stadt.

In der Bundesrepublik haben Wohnungspolitik und Stadtpolitik immer und mit sehr guten Gründen versucht, Segregation zu vermeiden. Diese Gründe waren berechtigt, solange es um soziale Segregation ging, d.h. die Segregation von Arm und Reich oder von Oberschicht, Mittelschicht und Unterschicht. Angesichts der heutigen Ausdifferenzierung von Lebensstilen und unterschiedlicher Milieus in unserer Gesellschaft und angesichts der Zuwanderung haben wir es aber nicht nur noch mit vornehmlich sozialen Unterschieden zu tun, sondern mehr und mehr auch mit kulturellen Differenzierungen. Es ist die Frage, ob eine Politik der Mischung, der Desegregation, angesichts dieser Differenzen ebenso sinnvoll ist, wie sie es vorher angesichts der sozioökonomischen Differenzen gewesen ist.

Auf die Frage: Soll man in unseren Städten Einwanderungsquartiere verhindern?, antworte ich mit „Nein“, weil Einwanderungsquartiere nicht nur eine universelle sondern eine notwendige Erscheinungsform in allen Einwanderungsgesellschaften sind. [Sie sind] deshalb notwendig, weil sie notwendige Funktionen im Zuge des Integrationsprozesses erfüllen. Ich will versuchen, das zu begründen.

Die Debatte über Pro und Contra von Segregation ist außerordentlich alt, und sie ist außerordentlich unbefriedigend. Unbefriedigend, weil jede Partei in dieser Debatte der jeweils anderen die vergessenen Seiten eines sehr widersprüchlichen Problems vorhält.

Für Segregation, für die Mischung verschiedener Gruppen in einem Stadtteil, werden ökonomische, politische und auch soziale Argumente vorgebracht. Ökonomisch wird beispielsweise argumentiert, dass die Konzentration von Armen in einem Quartier dazu führt, dass die Kaufkraft sinkt, weshalb sich das Güter- und Dienstleistungsangebot in einem solchen Quartier verschlechtert. Das führt dazu, dass diejenigen, die es sich leisten können, abwandern. Im Wesentlichen wandert die Deutsche Mittelschicht aus solchen Quartieren ab. Die Abwanderung der zahlungskräftigeren Haushalte aber veranlasst Hauseigentümer dazu, nicht mehr in ihre Häuser zu investieren, schon gar nicht, sie aufzuwerten, weil sich das nicht mehr lohnt. Folglich kann das Quartier auch baulich verkommen, und die Sozialstruktur wird schlechter. Weitere Haushalte, die es sich leisten können, versuchen, aus diesem Quartier weg zu kommen: ein klassischer circulus vitiosus, an dessen Ende ein sozialer Brennpunkt steht, eine Konzentration von benachteiligten Gruppen, die obendrein in einem sichtbar heruntergekommenen Quartier leben müssen, das sich leicht stigmatisieren lässt.
Politisch wird argumentiert, dass in sozial gemischten Quartieren auch soziale und politische Eliten leben, d. h., die Interessenvertretung solcher Quartiere ist eher gewährleistet. Außerdem würden durch das Zusammenleben der Eliten mit benachteiligten Gruppen die Probleme der Benachteiligten auch im Alltag der kommunalpolitischen Eliten präsent bleiben.

Es gibt auch soziale Argumente dafür, Mischung zu bevorzugen. Eines der Argumente läuft darauf hinaus, dass räumliche Konzentration es einer Gruppe erleichtert, sich in das eigene, enge Milieu zurückzuziehen. Sie erleichtert es möglicherweise auch, mafiose Parallelgesellschaftsstrukturen zu entwickeln. Außerdem fehlen in solchen Quartieren, z. B. für Jugendliche, positive Rollenvorbilder gelungener Integration in die normale Gesellschaft. Es werden deshalb solchen Quartieren negative Erziehungs- und Sozialisationseffekte zugeschrieben. Schließlich erhöhe die räumliche Konzentration einer Gruppe von Fremden ihre Sichtbarkeit und löse dadurch Bedrohungsgefühle bei den Einheimischen aus.

Aber die Befürworter von Segregation – also das Zulassen, dass bestimmte Gruppen sich in bestimmten Quartieren einer Stadt konzentrieren -, auch sie haben ökonomische, politische und soziale Argumente für ihre Position.
Ökonomisch wird argumentiert, dass die Konzentration einer Gruppe insbesondere für Zuwanderer lebenswichtig sei, weil die Zuwanderer, solange sie noch nicht in der neuen Gesellschaft Fuß gefasst haben, besonders angewiesen sind auf informelle Hilfsnetze. Informelle Hilfsnetze der Verwandtschaft, der Nachbarschaft und der Freundschaft gründen sich im Allgemeinen auf der Basis sozialer Homogenität. Homogenen Quartiere erleichtern es, informelle Hilfsnetze aufzubauen.

Das wird besonders deutlich bei der ethnischen Ökonomie, also Betrieben, die von ethnischen Unternehmern geführt werden, sich an eine ethnische Kundschaft wenden und aus dieser Ethnie auch ihre Arbeitskräfte beziehen. Eine solche ethnische Ökonomie braucht eine gewisse Konzentration von Landsleuten, sowohl als Kunden wie als Arbeitskräfte. Die Folge einer Entwicklung ethnischer Ökonomien ist, dass eine Infrastruktur und Güter- und Dienstleistungsangebote entstehen, die den Bedürfnissen der Immigranten entsprechen.

Es werden auch politische Vorteile der räumlichen Konzentration bestimmter Gruppen angeführt. Die räumliche Nähe von Menschen in ähnlichen Lebenssituationen erleichtere, weil diese Menschen ähnliche Interessen haben, ihre politische Organisation, wodurch sie sich leichter politisches Gehör verschaffen können. Schließlich werden soziale Vorteile von Einwanderungsquartieren angeführt. Einwanderungsquartiere kann man begreifen als „Brückenköpfe“ in der Fremde. An [solchen] Brückenköpfen erhalten die neu Zugewanderten erste Informationen über die fremde Gesellschaft, praktische Hilfen, psychische Unterstützung und Schutz vor sozialer Isolation. Einwanderungsquartiere mildern den Schock der Fremde. Das ist einer der wesentlichen Gründe für das Phänomen der Kettenwanderung, wonach die nachfolgenden Zuwanderer jene Orte bevorzugen, wo Ihresgleichen schon Fuß gefasst haben. Und das kann man bei den Italienern in Amerika genauso feststellen wie bei den Deutschen. Auch diese sind zuerst nach Little Germany und Little Italy gezogen statt sich über die ganze Stadt zu verstreuen.

Die Debatte endet also in einer Pattsituation. Das wird besonders deutlich an der Diskussion über die Folgen der räumlichen Nähe für Integration, also der räumlichen Nähe von Einheimischen und Fremden. Da wird auf der einen Seite die so genannte Kontakthypothese vertreten, die sehr plausibel argumentiert, dass räumliche Nähe Voraussetzung dafür sei, dass man überhaupt Kontakt zueinander gewinnt. Kontakte führen dazu, dass man mehr übereinander weiß. So werden Vorurteile abgebaut und man lernt, sich gegenseitig zu tolerieren. Also ist physische Nähe von Zuwanderern und Einheimischen Voraussetzung für gelingende Integration.

Nur leider gibt es auch noch eine Konflikthypothese, die ähnlich plausibel ist und das glatte Gegenteil behauptet. Nämlich, dass die enge Nachbarschaft verschiedener Lebensstile von Menschen mit unterschiedlichen Auffassungen von der Rolle der Frau, mit unterschiedlichen Auffassungen, wie Kinder zu erziehen seien, mit unterschiedlichen Toleranzen gegenüber Lärm und Schmutz und mit unterschiedlichen Zeitstrukturen vielfältige Reibungsflächen und Konflikte schafft. Normalerweise geht man solchen Konflikten im buchstäblichen Sinne aus dem Weg. Man versucht in eine Nachbarschaft zu ziehen, wo Seinesgleichen schon wohnen, so dass solche Reibungsflächen erst gar nicht entstehen können: Man übersetzt soziale und kulturelle Distanz in räumliche Distanz. Und das tun wir alle in unserem alltäglichen Verhalten auf dem Wohnungsmarkt. Dadurch entsteht Segregation als ein freiwilliges Phänomen aufgrund des Wunsches mit Seinesgleichen zusammen zu leben. Nach der Konflikthypothese dient Segregation der Vermeidung von Konflikten. Danach besteht das Problem nicht darin, dass es zu viel Segregation gibt, sondern eher im Gegenteil, dass es zu wenig Segregation gibt.
Nun, wie gesagt, diese Kontroverse ist außerordentlich alt. Dass sie so unbefriedigend verläuft, das liegt meines Erachtens an drei Mängeln:
Einmal an falschen Erklärungen: Räumliche Nähe für sich genommen, erklärt eben nicht die Qualität sozialer Kontakte, die durch räumliche Nähe ermöglicht werden. Es ist unbestritten, dass für bestimmte Formen des Kontakts, also wenn man sich umarmen will oder sich gegenseitig prügeln möchte, physische Nähe unumgängliche Voraussetzung ist. Aber die Tatsache der physischen Nähe sagt überhaupt nichts aus, wie dieser Kontakt endet. Etwas schlicht gesagt: Wenn man sich liebt, wird es wahrscheinlich zu Umarmungen kommen. Und wenn man sich gegenseitig nicht ausstehen kann, dann eher zu Prügeleien.

Die Vorzüge einer multikulturellen Gesellschaft werden im Allgemeinen von Wohlsituierten, akademisch gebildeten Deutschen vorgetragen, die durch die Gnade gespaltener Arbeits- und Wohnungsmärkte gerade davor bewahrt werden, in ihrem Alltag mit Zuwanderern überhaupt in Kontakt zu kommen. Das Fatale besteht darin, dass die Filtermechanismen auf unseren Arbeitsmärkten und auf unseren Wohnungsmärkten die Zuwanderer gerade in die physische Nähe zu jenen Deutschen bringen, die am wenigsten in der Lage sind, mit Fremdheit so wie Georg Simmel es sich vorgestellt hat umzugehen: blasiert, gleichgültig, distanziert und intellektuell. Die Zuwanderer treffen im Arbeitsmarkt – wenn sie denn Zugang zum Arbeitsmarkt haben – und in ihren Wohnquartieren gerade auf solche Deutsche, die einen sozialen und ökonomischen Abstieg erleiden mussten: auf die Verlierer des gesellschaftlichen Strukturwandels. Solche Menschen haben einen hohen Bedarf an Sündenböcken, und Fremde eignen sich sehr gut für diese Rolle des Sündenbockes. Außerdem geschieht dieses Zusammentreffen häufig in Quartieren, die auch baulich heruntergekommen sind, auch äußerlich den Abstieg signalisieren und stigmatisiert werden. Dann ist es kein Wunder, dass in solchen Nachbarschaften Konflikte entstehen.

Der zweite Mangel der Diskussion besteht darin, dass selten deutlich gemacht wird, aus welcher Perspektive eigentlich über Segregation geredet wird. Diejenigen, die sich gegen Phänomene der Segregation einsetzen, haben im Allgemeinen soziale Ungleichheitsprobleme vor Augen, und sie sprechen aus der Perspektive von Deutschen. Diejenigen, die sich für Segregation einsetzen, haben im Allgemeinen ethnisch kulturell bedingte Segregation vor Augen und sprechen vornehmlich aus der Perspektive von Zuwanderern. Um das an einem Beispiel zu erläutern: Wohnungsbaugesellschaften versuchen – allerdings angesichts der Situation auf dem Wohnungsmarkt lässt sich das gegenwärtig kaum durchführen – mittels Zuzugssperren und Quotierungen zu verhindern, dass der Anteil der Zuwanderer in ihren Beständen einen bestimmten Prozentsatz übersteigt, etwa 15 Prozent der Wohnungen – es können mehr, es können weniger sein-.

Das ist aus der Sicht von Deutschen rational. Es verringert die Sichtbarkeit der Fremden, damit löst es keine Bedrohungsgefühle aus, und es mildert die Konkurrenz um billige Bestände auf dem Wohnungsmarkt für Deutsche. Aus der Sicht der Immigranten ist es genau umgekehrt. Zuzugssperren und Quotierungen behindern Integration und sie verschlechtern die Wohnungsversorgung. Solche Quotierungen bedeuten ja, dass ein Wohnungsmarktsegment, das schon relativ eng ist, nämlich das für Zuwanderer überhaupt zugängliche, noch einmal willkürlich verengt wird. Außerdem: Wenn in einem Stadtquartier oder in bestimmten Beständen eine Zuzugssperre erlassen wird, dann heißt das ja leider nicht, dass in anderen Beständen die Türen um so weiter geöffnet werden. Das heißt, solche Quotierungen haben nur den Effekt, dass die Zuwanderer jetzt woanders und unter noch engeren Optionen sich noch stärker konzentrieren müssen.

Ein dritter Mangel: Es wird zu wenig differenziert, weder nach den Gruppen, noch nach den Ursachen. Segregation ist eben nicht gleich Segregation. Kein Mensch findet, die Segregation der deutschen Oberschicht [sei] ein Anlass für die Verschickung von Sozialarbeitern in solche Quartiere. Das hat zwei sehr gute Gründe: einmal, weil diese Segregationsphänomene freiwillige sind, das heißt, sie sind gewünscht. Und außerdem zeitigt solche Segregation keine negativen Folgen, ganz im Gegenteil. Die Konzentration von Oberschichtangehörigen in bestimmten Quartieren einer Stadt macht eine gute Adresse. Eine gute Adresse aber ist eine Voraussetzung für steigende oder zumindest stabile Immobilienpreise. Also nicht die Tatsache der Segregation ist das eigentliche Problem, sondern die Art und Weise wie sie zustande kommt. Nicht der Grad der Absonderung einer Minderheit löst Ängste aus, sondern nur die Frage, ob diese Minderheit gesellschaftlich akzeptiert ist oder nicht. Zum Beispiel lebt die deutsche Alternativszene ähnlich abgesondert wie bestimmte Zuwanderergruppen. Trotzdem erscheint uns das nicht als ein Problem. Segregation ist generell besonders ausgeprägt bei den Gruppen, die die höchsten Optionen, die meisten Wahlmöglichkeiten auf dem Wohnungsmarkt haben.
Man muß also differenzieren. Einmal nach Gruppen: Um welche Deutsche handelt es sich? Um die Alternativszene oder um die Verlierer des Strukturwandels? Dann um welche Zuwanderer handelt es sich? Die japanische Kolonie in Düsseldorf macht wohl keine Probleme, aber eher türkische Konzentrationen. Innerhalb der türkischen Gruppen muss man wiederum differenzieren zwischen erfolgreichen Aufsteigern und jenen, die davon bedroht sind, an den Rand dieser Gesellschaft zu geraten.

Man muss ferner differenzieren nach den Ursachen: Ist es eine freiwillige oder eine erzwungene Segregation? Ist sie strukturell bedingt durch Diskriminierung, durch Marktmechanismen? Oder ist es eine funktionale, d. h., dient sie den Interessen und Bedürfnissen der jeweiligen Gruppe? Nun, analytisch, theoretisch sind solche Differenzierungen relativ leicht. In der Praxis sind sie außerordentlich schwierig, weil sich diese verschiedenen Phänomene der Segregation immer überlagern. Freiwillige und erzwungene Segregation, funktionale und strukturelle Faktoren, kulturelle und ökonomische überlagern sich.

Ich möchte das an einem Beispiel deutlich machen: Wenn aus einem Quartier, das negativ stigmatisiert ist, die deutsche Mittelschicht und die aufgestiegenen Zuwanderer fortziehen – das passiert üblicherweise unter Bedingung entspannter Wohnungsmärkte -, dann handelt es sich um eine freiwillige Segregation. Aber zurück bleiben in solchen Quartieren diejenigen, die sich Mobilität nicht leisten können. Dadurch entsteht erst das, was als „sozialer Brennpunkt“ beschrieben wird: eine Konzentration von benachteiligten Gruppen dadurch, dass diejenigen aus dem Quartier fortziehen, die nicht unter dieser Lebenssituation zu leiden haben.

Es ist also gerade eine Mischung aus freiwilliger und unfreiwilliger passiver erzwungener Segregation, die solche Quartiere entstehen lässt. Außerdem ist heute der Rückzug in die enge Welt einer eigenen Herkunftskultur sehr viel leichter, als das noch vor 20 Jahren der Fall war. Das hängt einmal mit der Größe der zugewanderten ethnischen Gruppen zusammen und mit ihrer räumlichen Konzentration. Dies ist Voraussetzung dafür, dass eine ethnische Infrastruktur, ein ethnisch geprägtes Güter- und Dienstleistungsangebot entstehen kann. Zudem sind seit einigen Jahren auch Massenmedien aus den Herkunftsländern hier zu empfangen. Hinzu kommen noch ganz bewusste oder mehr oder weniger bewusste Strategien der Retraditionalisierung: Bis zu zwei Drittel der türkischen Frauen und Männer der zweiten Generation holen ihre Ehepartner – sowohl die Frauen wie die Männer- aus der Türkei. Das ist eine Form der Retraditionalisierung dieser Gruppe. Außerdem ist manchmal zu beobachten, dass Eltern ihre Kinder, wenn sie mit ihnen Probleme haben, für Monate, teilweise sogar für Jahre, wieder zurück in die Türkei schicken – mit enormen Konsequenzen für den Schulerfolg in unserem Schulsystem.

Angesichts der Verfügbarkeit der Massenmedien des eigenen Heimatlandes, der erhöhten Mobilität, der Heiratsstrategien und ähnlichem, verliert die klassische Unterscheidung zwischen dem Simmelschen Fremden, der gekommen ist, um zu bleiben, und dem Transnationalen, der dauerhaft zwischen oder in zwei Ländern lebt, an Gültigkeit, weil auch die Immigranten, die gekommen sind, um zu bleiben, die Verbindung mit ihrer Heimatkultur aufrechterhalten können.
Trotzdem wäre es falsch, nun jede ethnische Koloniebildung ohne weiteres als ein Phänomen gesellschaftlicher Desintegration zu definieren. Sie ist immer auch eine notwendige Stufe im Integrationsprozess.. Die Ruhrpolen z.B. sind unter anderem angeworben worden mit dem Versprechen, im Ruhrgebiet wieder in ihren Dorfgemeinschaften angesiedelt zu werden. Sie haben sich auch politisch erst einmal als Polen organisiert. Die drittstärkste Gewerkschaft im Ruhrgebiet in den 20er und 30er Jahren war die Gewerkschaft der Polen. Also auch da ist Binnenintegration eine Stufe gewesen in einem Integrationsprozess.

Nun, was sind die Konsequenzen für Politik, die daraus zu ziehen sind? Sicher keine einfachen Konsequenzen, eben weil Segregation ein hoch komplexes und ein sehr ambivalentes Phänomen ist und Integration ein sehr langwieriger, ein sehr konfliktbelasteter und ein sehr risikoreicher Prozess. Ich will dazu zum Schluss nur noch Stichworte nennen.
Die Politik, wenn diese Analyse akzeptiert wird, muss Segregation zugleich zulassen und verhindern, dass aus solchen Gebieten Fallen werden. Sie muss Einwanderungsquartiere als Dauerinstitutionen in unseren Städten akzeptieren und zugleich dafür sorgen, dass die Individuen sich in diesen Quartieren nur vorübergehend aufhalten. Notwendig ist ferner, Mechanismen der Konfliktmoderation zu entwickeln, die verhindern, dass sich Konflikte zwischen Einwanderern und Zuwanderern oder unter verschiedenen Zuwanderergruppen sofort auf die Ebene der Gerichte und der Polizei verlagern. Es ist auch zu überlegen, inwieweit etwa in der Gewerbeaufsicht oder im Bereich der Arbeit die Kontrolldichte zurückgenommen werden kann, mit all den Ambivalenzen, die so etwas mit sich bringen muß. Ferner sollten öffentliche Räume gesichert werden: Räume, in denen, wie Park gesagt hatte, sich die verschiedenen Welten auch berühren können, indem die Zuwanderer auch symbolisch präsent sein können.

Man verlangt von der Politik eine außerordentlich schwierige Wanderung auf einem sehr, sehr schmalen Grad. Der Politik wäre die Aufgabe mit einem schlichten „Ja“ zur Segregation oder einem schlichten „Nein“ zur Segregation scheinbar sehr viel leichter gemacht. Aber das „Ja“ wäre bloß naiv und das „Nein“ wäre bloß repressiv. Es ist nicht die Aufgabe der Wissenschaft, die Welt einfacher zu machen als sie ist, im Gegenteil, und Ich denke, darin liegt auch die politische Relevanz von Wissenschaft: Sie muß die Welt so komplex beschreiben, wie sie nun mal ist, denn – und das hat Sigmund Freud vor 100 Jahren schon formuliert -: Es gibt für jedes komplexe Problem eine einfache Lösung, aber die ist gewöhnlich falsch.

Danke.