„Im Modus der Serie“, Ausstellung im Museum für angewandte Kunst, Frankfurt a.M., 2. Serienparlament: Lehm & Stein, 02.09.2026
Serielles Bauen neu denken – mit Lehm, Stein und einer anderen Haltung zum Bauen
Die Fragestellung des Abends, zu dem das urban future forum am 2. September 2026 ins Museum Angewandte Kunst eingeladen hatte, lautete: Wie können wir schneller, wirtschaftlicher und serieller bauen, ohne dabei Nachhaltigkeit, architektonische Qualität und die Identität unserer Städte zu verlieren? Kurzreferate der eingeladenen Referenten Dr. Ipek Ölcum, Prof. Laurens Bekemans, Hermann Graser und Prof. Wilfried Kühn und die anschließende Diskussion (Moderation: Jens Jakob Happ) machten deutlich: die Antwort liegt nicht in einem einzigen neuen Baustoff oder Bausystem. Vielmehr müssen wir unser Verständnis vom Bauen grundsätzlich weiterentwickeln.
Materialien nach ihren Stärken einsetzen
Ein zentraler Gedanke des Abends war, Baustoffe wieder konsequenter entsprechend ihrer natürlichen Eigenschaften einzusetzen. Stein ist druckfest, robust und dauerhaft. Holz ermöglicht leichte Konstruktionen und kann Zugkräfte aufnehmen. Lehm bringt Masse in Gebäude, reguliert Feuchtigkeit und Temperatur und lässt sich mit vergleichsweise geringem Energieaufwand herstellen. Gerade in der intelligenten Kombination dieser Materialien entstehen neue Möglichkeiten für zeitgemäße Konstruktionen.
Tradition trifft industrielle Vorfertigung
Lehm und Naturstein sind längst nicht nur traditionelle Baustoffe. Moderne Produktionsmethoden, digitale Planung und Vorfertigung ermöglichen bereits heute serielle Lehmwände, Holz-Lehm-Decken, vorgefertigte Stampflehmelemente oder innovative Holz-Stein-Verbundkonstruktionen. Vorfertigung kann Bauzeiten verkürzen, Prozesse vereinfachen und zugleich eine Antwort auf den Fachkräftemangel sein. Entscheidend ist dabei, dass Serie nicht automatisch Gleichförmigkeit bedeutet.
Nachhaltigkeit weiter denken
Ein weiterer Schwerpunkt war die Frage, wie Nachhaltigkeit überhaupt bewertet werden sollte. Der CO₂-Fußabdruck eines Materials ist wichtig – aber nicht die einzige Größe. Ebenso relevant sind regionale Verfügbarkeit, Transportwege, der Energieaufwand bei Herstellung und Bearbeitung, Lebensdauer, Reparierbarkeit und die Möglichkeit, Bauteile später wiederzuverwenden. Gerade Naturbaustoffe bieten hier großes Potenzial. Konstruktionen aus Stein, Holz oder Lehm können so geplant werden, dass sie rückbaubar und kreislauffähig bleiben. Aus einem Bauteil wird dann nicht automatisch Abbruchmaterial, sondern im besten Fall der Rohstoff für das nächste Gebäude.
Lowtech statt immer mehr Gebäudetechnik
Auch der sommerliche Wärmeschutz spielte eine wichtige Rolle. Die thermische Masse von Lehm und Stein kann dazu beitragen, Temperaturspitzen in Gebäuden abzufangen.Mehrere Beispiele zeigten, dass durch natürliche Materialien, Speichermasse und intelligente Nachtkühlung Gebäude entstehen können, die mit deutlich weniger aktiver Kühlung und technischer Ausstattung auskommen. Damit wurde auch eine grundsätzliche Frage sichtbar: Müssen wir Gebäude immer stärker technisch aufrüsten – oder können wir wieder mehr Leistung aus Konstruktion und Material selbst gewinnen?
Die Technik ist da – die Strukturen bremsen
Eine der deutlichsten Erkenntnisse des Abends war: Technisch ist vieles bereits möglich. Die größere Herausforderung liegt häufig in der Umsetzung. Bauordnungsrecht, Normen, Zulassungen und etablierte Planungs- und Produktionsprozesse verhindern oder verzögern teilweise neue beziehungsweise wiederentdeckte Bauweisen. Beim Lehmbau wurden in den vergangenen Jahren wichtige Fortschritte bei Normung und Nachweisen erreicht. Beim konstruktiven Einsatz von Naturstein bestehen dagegen weiterhin Hürden. Damit Innovation in die Breite kommt, braucht es nicht nur gute Demonstrationsprojekte, sondern auch geeignete regulatorische Rahmenbedingungen und Bauherren, die bereit sind, neue Wege zu gehen. Es braucht eine Kultur des Ausprobierens, des Experiments, der Offenheit für Neues.
Serielles Bauen darf nicht zu monotonem Bauen führen
Der Abend machte zugleich deutlich, dass serielles Bauen nicht mit uniformer Architektur gleichgesetzt werden darf. Vorfertigung sollte ein Werkzeug sein, um Qualität effizienter herzustellen – nicht, um überall dieselben Gebäude zu reproduzieren. Architektur bleibt eine kulturelle Aufgabe. Ein Gebäude muss zum Ort, zur Stadt und zu ihrer Geschichte passen. Materialwahl, Konstruktion und Gestaltung können deshalb nicht vollständig standardisiert werden.
Das Resümee
Das vielleicht wichtigste Ergebnis des Abends: Traditionelles Wissen und moderne Technik stehen nicht im Widerspruch. Im Gegenteil. Gerade die Verbindung aus jahrhundertealten Materialien, heutigen digitalen Werkzeugen, industrieller Vorfertigung und einem neuen Verständnis von Kreislauffähigkeit kann einen wichtigen Beitrag für die Zukunft des Bauens leisten. Viele Lösungen existieren bereits. Jetzt geht es darum, aus Forschungsprojekten, Demonstratoren und einzelnen Vorreitern eine breite Baupraxis entstehen zu lassen.
Nicht einfach schneller und mehr bauen – sondern dauerhafter, ressourcenschonender, anpassbarer und vor allem aus dem kulturellen Verständnis des Orts.
Wir danken dem Museum für angewandte Kunst, allen Teilnehmenden und insbesondere Dr. Ipek Ölcüm (Verband Lehmbau, Berlin), Prof. Wilfried Kuehn (TU Wien/ Kuehn Malvezzi, Berlin), Prof. Laurens Bekemans (RWTH Aachen / BC Architects), Hermann Graser (Bamberger Natursteinwerk, Bamberg) für Ihre wertvollen Beiträge an diesem Serienparlament und Jens Jakob Happ, Stiftung urban future forum e.V. für die Moderation durch den facettenreichen Abend !
Für alle Interessierten ist das Video zur Veranstaltung auf YouTube unter folgendem Link verfügbar:
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